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Festival der Darstellenden Künste Hamburgs

CODING REALITY – Der „Digital Track“ beim Festival Hauptsache Frei

Digitalisierung: ein Schlagwort, das sich seit einigen Jahren durch alle Lebensbereiche zieht. Algorithmen und Technologie bestimmen nicht nur zunehmend unseren Alltag, schon längst sind digitale Phänomene und Werkzeuge auch zu innovativen Impulsgebern für künstlerische Prozesse geworden.

Die Grenze zwischen Realität und Fiktion wird bereits seit geraumer Zeit nicht mehr nur im Theater ausgelotet: Neue Digitale Bühnen wie Augmented, Mixed und Virtual Reality erweitern unsere Wahrnehmungen, ermöglichen alternative Erzählweisen und produzieren innovative Erlebnissituationen. In der Regel sind die in derartigen Technologien entwickelten Ästhetiken und Inhalte dem ökonomischen Prinzip des Wettbewerbs unterworfen und stellen insbesondere eine Erweiterung für die Unterhaltungsindustrie dar.

Hürden für Künstler*innen

Für Künstler*innen bestehen bisher noch zu viele Hürden, die eine von kommerziellen Unternehmen unabhängige Arbeitsweise erschwert. Häufig liegt es daran, dass die Expertisen zur Umsetzung von digitalen Phänomenen wie Virtual- und Augmented Reality oder anderen Hard-&Softwareanwendungen bisher größtenteils den Expert*innen der IT- und Kreativindustrie vorbehalten bleiben.

Ein professionelles Softwaredevelopement ist einfach zu teuer und häufig sind derartige Posten in den ohnehin unterfinanzierten Fördertöpfen für Künstler*innen schlicht weg nicht vorgesehen.

Ist die Konsequenz daraus, dass wir die Gestaltung von digitalen Realitäten den kommerziellen Unternehmen überlassen?

Keineswegs: ich denke jedoch, dass es sowohl aus der Perspektive der Kulturschaffenden als auch der Kulturförder*innen eines Umdenkens bedarf. Es hat sich gerade ein neues ästhetisches Feld geöffnet, dass mithilfe von digitalen Dramaturgien innovative Experimentierplattformen schafft, in denen Grenzverhandlungen von Realität und Fiktion auch im digitalen Zeitalter durch künstlerische Strategien neu ausgelotet werden können.

Auftrag an die Kulturpolitik

Um jenes kritische Potential voll ausschöpfen zu können, bedarf es aber neuer Expertisen für Kulturschaffende, eine intensive Auseinandersetzung mit Software und Algorithmen und eine entsprechende finanzielle Honorierung durch die Kulturpolitik.

Meiner Ansicht nach reicht es nicht aus, dem Theaterpublikum eine VR-Brille aufzusetzen und den magischen Zauberkasten Theater durch neuartige digitale Effekte zu erweitern.

Um den Herausforderungen des digitalen Zeitalters Rechnung zu tragen und ihre praktischen Implementierungen für unsere Gesellschaften durch Kunst wirklich verhandeln zu können, muss man sie zunächst verstehen.

Hauptsache Frei Festival: 24. – 28. April in Hamburg

Daher freue ich mich sehr beim Festival der darstellenden Künste Hamburgs Hauptsache Frei1Vom 24. bis 28. April 2018 macht HAUPTSACHE FREI zum vierten Mal die geballte Energie der Freien Szene Hamburgs erfahrbar: Es nimmt Publikum wie Künstler*innen mit auf eine Reise quer durch die Hansestadt, eignet sich geheimnisvolle Orte an und beweist, dass fern der renommierten Häuser ästhetische und inhaltliche Alternativen gelebt werden, die neue künstlerische und gesellschaftliche Prozesse entstehen lassen und befeuern. Im Rahmenprogramm findet der „Digital Track“ 2018 zum ersten Mal statt und soll in  Zukunft verstetigt und weiter ausgebaut werden., das ich gemeinsam mit Julian Kamphausen leite, einen ersten Schritt in diese Richtung wagen zu können: Mit dem „Digital Track“ habe ich einen Schwerpunkt im Rahmenprogramm des Festivals konzipiert, der Digitalität in den Darstellenden Künsten als Handlungsaufforderung zur digitalen Selbstermächtigung fokussiert:

Hier sollen nicht lediglich aktuelle Digitalisierungsdiskurse theoretisch verhandelt werden, sondern praktische Fähigkeiten vermittelt werden, die Kulturschaffende zu einer selbstbestimmten und nachhaltigen Mitgestaltung und künstlerischen Auseinandersetzung mit digitalen Phänomen befähigt.

Durch Vernetzungs-, Diskurs- und Weiterbildungsformate entsteht so eine Plattform, um auf Augenhöhe Synergien zwischen darstellenden Künstler*innen, Programmierer*innen, Softwareentwickler*innen und 3D-Designer*innen zu ermöglichen und um gemeinsam Visionen für digitale Kunst zu entwickeln.


Die Autorin

Susanne Schuster ist freie Dramaturgin, Kuratorin und Produktionsleitung mit Fokus auf Projekte an der Schnittstelle von Theater und Digitalkultur. Sie studierte an der HMT Leipzig und der Universität Hildesheim. Seit 2018 promoviert sie dort zum Thema „Algorithmen in den performativen Künsten – Digitalität als ästhetische Praxis“ und gehört zum Leitungsteam des Festivals Hauptsache Frei in Hamburg.

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