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Vierimpuls Quartett

Wie ein Streichquartett über 1000km gemeinsam probt

Foto (© Florian Beier) 

KulturData hat sich mit dem Vierimpuls Quartett in München getroffen. Seit mehreren Jahren lebt ein Ensemblemitglied in Cambridge und nimmt über Streaming an den Proben teil. KulturData hat mit Adrian-Minh Schumacher, dem Cellist des Ensembles, über diesen Online-Proben Ansatz gesprochen und wie dieser sich nachbauen lässt.


KulturData: Wie entstand eure innovative Probensituation?

Adrian-Minh: »Als wir uns vor über 4 Jahren als Ensemble formierten, stellten wir sehr schnell fest, dass wir als Streichquartett sowohl musikalisch als auch menschlich ein richtiges Match waren. Und wie das auch in Beziehungen so geht, kommt es ausgerechnet dann wenn es gut läuft zur räumlichen Trennung: Konrad (Bratsche) entschloss sich, erst seine Masterarbeit und dann auch noch seinen PhD in Cambridge zu machen. Also sahen wir uns 2015 vor der Entscheidung: all in – or out.

Also: alle Strapazen einer Ensemble-Fernbeziehung auf sich nehmen und weitermachen, oder sich eine neue Bratsche suchen. Aber gerade bei einem Hobbyensemble zählt die zeitliche und emotionale Stringenz, welche man in das Projekt steckt. Sich zu selten zu sehen funktioniert nicht. Und um sich technisch und musikalisch weiterzuentwickeln braucht es regelmäßige Proben.

Oft hörten wir in der Zeit von anderen Menschen, denen wir unsere missliche Lage erzählten: »In meiner Fernbeziehung war Skype die Rettung. Aber das klappt bei euch ja nicht«. Das war sowieso klar. Oft funktionieren nicht mal normale Gespräche über Skype, bei riesiger Verzögerung redet man aneinander vorbei und die Stimme klingt wie ein Roboter auf Meth.

Wie soll man dann über das Netz gemeinsam proben? Dennoch regte sich die Frage: wieso eigentlich nicht? Wir begannen intensiv zu recherchieren. Und siehe da: Andere Leute haben hier dran schon seit Jahren mitgedacht und entwickelt. So kamen wir dazu, uns Stück für Stück Hardware anzuschaffen und Verfahren aufzubauen, um unsere Vision zu verwirklichen.

Nach 3 Monaten Recherche fand dann im Herbst 2015 unsere erste Online-Probe statt. Wir drei Münchner im Hörsaal der mathematischen Fakultät, Konrad in seinem Labor in Cambridge. Wir mit einer Monitor-Box zwischen uns, Konrad mit seinen Headphones auf. Wir begannen die Einrichtung um 20 Uhr und fummelten bis Mitternacht – bis die Verbindung stand.

Aber wir wollten es wissen; unser erstes Teststück war gleich der Härtetest: ein Beethoven Presto aus den Rasumowsky Quartetten. So schnell wir konnten. Und manchmal braucht man ein bisschen Glück: Es funktionierte gleich so vielversprechend gut, dass wir am Ball blieben. Seitdem haben wir fast wöchentlich eine Onlineprobe gemacht und mittlerweile beinahe 10 Konzerte online vorbereitet. Und das Erlebniswird immer besser…«

Welche Hardware braucht es dazu?

»Wir als klassische Musiker hatten bisher mit Soundtechnik recht wenig am Hut. Also setzten wir uns Learning-by-Doing damit auseinander. Erstmal haben wir intensiv recherchiert und uns eingelesen. Das Musikhaus Thomann mit seinen Online-Ratgebern zu den verschiedenen Teilen (Interface, Mikrofone, Monitor) war eine große Hilfe. Wir haben auch durch deren30 Tage Money-Back Garantie viel ausprobiert, denn man darf in Ruhe die Sachen für sich ausprobieren und unkompliziert zurückschicken.

Unsere Ausstattung

  • Ein Mikrofon
  • ein Interface mit Vorverstärkern1 an welche man die Mikrofone anschließen kann und das die Signale ins Digitale wandelt
  • einen Computer
  • ein Kopfhörer oder eine Monitor-Box

Die einzelnen Teile gibt es in allerlei Preisklassen, wir entschieden uns für wertige Produkte um das Maximum an Klang und Geschwindigkeit rauszuholen. Hier also unser Equipment:

  1. DPA d:vote Mikrofone für Streicher
  2. Focusrite Clarett 4Pre (mit 4 Mikrofon Vorverstärkern für München) und ein ZOOM TAC-2 für Cambridge
  3. MacBooks Pro/Retina mit Thunderbolt Anschlüssen
  4. Neumann KH 120A Monitor-Box für München und Studio Headphones für Cambridge

Mikrophone

Bei allen Komponenten geht es darum, den Delay (=Verzögerung) so klein wie möglich zu halten. Unser Ansatz ist es, diesen an allen Fronten minimal zu halten. Das betrifft allein schon die Abnahme am Instrument, wo die d:vote Kleinmembran-Kondensator Mikrophone mit Schwanenhals nicht nur für eine hervorragende Soundqualität, sondern auch für eine sehr direkte Abnahme des Schalls am Instrument sorgen.

Interface

Ein Knackpunkt ist tatsächlich der Anschluss des Interfaces an den Computer, denn hier entsteht einiges vom Gesamt-Delay Wir haben verschiedene USB-Interfaces getestet und festgestellt, dass eine Verbindung mittels Thunderbolt zu weniger Delay führt und das Spielerlebnis eindeutig verbessert.Wir haben keine PCI Interfaces getestet, die Geschwindigkeit der Verbindung sollte aber ebenfalls sehr gut sein. Wie es mit einer besseren Verwendung der neuen USB Standards bei Interfaces aussieht, darüber sind wir aktuell nicht informiert. Es könnte aber durchaus eine gute Thunderbolt Alternative für z.B. Windows Notebooks darstellen.

Output

In Sachen Output-Hardware hat sich gezeigt, dass sowohl Kopfhörer als auch die Übertragung des Klanges, auf den Raum mit einer Monitor-Box als möglich erwiesen haben. Die zweite Option schafft sicherlich eine natürlichere Situation und hört und fühlt sich teilweise so an, als sei der Remote-Partner physisch anwesend. Dafür hat man mit dem Kopfhörer aber einen direkteren Zugang zum Ohr und damit auch eine Art Reduktion des Delays.«

Welche Software nutzt ihr zum Streaming?

»Es gibt mehrere Software Möglichkeiten im Netz. Wir fanden das schlichte Jamulus allerdings die sympathischste Option. Nicht zuletzt weil es Open-Source, modifizierbar und kostenlos ist.

[Anmerkung: Mehr zu dieser Story gibt’s verlinkt in der Neuen Musikzeitung 2/2018]

Jamulus ist eigentlich dafür gedacht, dass jede Partei einen eigenen Rechner hat und man sich auf dem Server zusammenfindet. Man kann prinzipiell seinen eigenen Server betreiben, wir nutzen allerdings die Server von Volker mit, die praktischerweise in Frankfurt an einem Knotenpunkt stehen und damit zwischen München und Cambridge sind. Wir haben z.B. aber auch gute Erfahrungen mit einem Server in Frankreich gemacht, den irgendjemand betreibt.  Wir lassen allerdings in München die drei Instrumente über ein Interface und einen Laptop laufen. Dies hat eine kleine Modifikation von Volker Fischer erfordert, welche die drei Instrumente auf zwei Kanäle verteilt. Dann stellen wir den Output so ein, dass ausschließlich das Remote-Signal aus der Monitor-Box bzw. den Kopfhörern kommt. Wenn man sich selbst noch dazu hören würde, führt das nur zur Verwirrung.«

Welche weiteren Vorraussetzungen gibt es für ein gutes Probenerlebnis?

»Die Internetverbindung ist natürlich das A und O. Weil unsere Internetverbindung zu Hause anfangs zu schlecht war, starteten wir gleich damit, in Universitätsgebäuden zu proben, da hier eine schnell Anbindung z.B. über das Leibniz Rechenzentrum erfolgt. Seit neuestem haben wir allerdings auch Glasfaseranschluss in der Wohnung. Selbst mit „nur“ 50 MBit Down/ 10MBit Up können wir so vernünftig Proben. Und praktischerweise müssen wir das Material nicht mehr rumschleppen. Ganz zentral ist, möglichst kein WLAN zu benutzen, sondern den Rechner direkt mit einem Ethernet Kabel an den Router anzuschließen. Wir haben aber auch schon einmal erfolgreich mit gutem WLAN geprobt, die neuen Standards sind ja auch recht schnell.«

Welche Tipps könnt ihr anderen Musikern geben?

»Eine typische Online Probe beginnt bei uns immer mit einem kleinen Soundcheck. Meist spielen wir einen Choral im mezzoforte und stellen die Volumes und Höhen/Tiefen so ein, dass es möglichst homogen im Ensemble klingt. Unsere Erfahrung ist, dass die Mikrophone auch super dafür sind, miteinander zu reden. Allerdings ist es sehr nervenaufreibend, wenn man sich nicht laut genug hört, daher sollte man sich angewöhnen in Richtung Mikrophon zu sprechen und deutliche Ansagen zu machen. Dieser Punkt ist eigentlich der einzige, bei dem man Rücksicht auf die Situation nehmen muss – ansonsten proben wir kaum unterschiedlich als bei einer echten Präsenzprobe.«

Wo hakt es noch?

»Zwei Dinge die man zum Onlineproben wissen muss:

  1. Nein, es klingt nicht alles immer makellos. Manchmal kommen Geräusche (Kratzen, Knacken), manchmal ist der Delay dann doch zu groß um vernünftig komplexe und schnelle Dinge zu proben. Man hat leider nie die Garantie dass das Netz nicht überlastet ist.
  2. Ja, man kann dennoch sehr natürlich und hoch konzentriert an Dingen arbeiten und – allem voran – großen Spaß haben. Das waren für uns die Kriterien: Wir brauchten den Mehrwert von regelmäßigen Proben, die Möglichkeit an Details wie Intonation und Phrasierung zu arbeiten und das Gemeinschaftsgefühl. Wir finden all das in unseren Onlineproben. Das “Finish” bekommen wir aber ausschließlich dann hin, wenn Konrad bei uns ist.«

Wie sieht es zukünftig damit aus?

»Die Verbindungsqualität (sowohl lokal als auch des Servers) ist der Flaschenhals, wenn die Technik sonst gut ist. Hier sollte sich in den nächsten Jahren aber alles allgemein stark verbessern.

Jamulus ist ein fantastisches, einfaches Tool. Allerdings ist das Routing der einzelnen, lokalen Kanäle am Interface zum Server noch nicht ideal gelöst. Gerade wenn man lokal mehrere Instrumente an der Strippe hat, wird es etwas schwierig und man braucht evtl. Profiwissen. Aber das löst sich sicher auch wenn die Community größer wird.

Wir haben bisher erst ein Online Konzert veranstaltet, was daran liegt dass die Technik definitiv noch zu unzuverlässig für solche Situationen ist. Aber es hat uns und den Zuhörern großen Spaß gemacht.«


Ein Interview mit Adrian-Minh Schumacher vom Vierimpuls Streichquartett. 

Wenn ihr mehr über dieses Thema erfahren möchtet, könnt ihr meinen Beitrag in der Neuen Musikzeitung anschauen: »Synchronizität in Zeiten des Streamings«

Fragen? Eigene Erfahrungen? Gerne kommentieren, oder über info[at]kulturdata.de Kontakt aufnehmen.

2 thoughts on “Wie ein Streichquartett über 1000km gemeinsam probt

  1. Danke für den interessanten Artikel.Auch interessant die kleine Equipment Aufstellung. Allerdings funktionierte dies schon vor Jahren, sogar recht unproblematisch, mit Google Hangout. Es gab da schon ein Studiotool für Musik. Man konnte schon die Latenz auf 0 stellen. Wollte man, statt Webcam, mit einer HD Kamera arbeiten, Capture Card, USB Mischpult, Aktivboxen, losging es.und das mit bis zu 9 Teilnehmer. In der Community „Musicals on G+“ gab es auch via Hangut on Air Konzerte live. Das in 720p50. Also diese Möglichkeit gibt es schon sehr lange. Hangout verwende ich immer noch….heute geht das alles über YouTube live….nur mal so in Kürze.

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